Donnerstag, 13. Januar 2011

Argentinische Wartegeschichten... Über Post, Bank und Bus

Ist meine letzte Story wirklich noch aus dem Oktober 2010?? Na dann treffe ich ja genau den Titel der neuen Geschichte, die ich euch dieses Mal feil biete:

Im selben Monat, in dem ich den letzten Bericht verfasst habe, hat meine mich liebende Mutter ein "Pre"-Weihnachtspaket auf die Reise aus dem kalten Hannover in den Hochsommer nach Buenos Aires gebracht. Fast gleichzeitig verließ ein weiteres Päckchen aus dem Hause meiner Schwiegereltern Deutschland und steuerte in exakt die selbe Richtung. Nun, erfahrungsgemäß brauchen Briefe und Karten zwischen 2 und 4 Wochen. Themenwechsel:

Explodierte Gans
Stilvoller Weihnachtsschmuck im Hochsommer
Wie gut hat man es doch in Deutschland: Weihnachten wurde so glücklich gelegt, dass man bis zum Sommer genug Zeit hat, um die Bikini-Figur wieder zu erreichen. Kein schlechtes Gewissen über die Feiertage nötig, nieder mit Gans und Knödeln! Wer jetzt schnell mitgedacht hat, hat das Dilemma bereits erkannt.
Buenos Aires wurde nämlich denkbar schlecht angelegt, und zwar ziemlich gegenüber von Deutschand auf der anderen Erdhälfte, sprich: Weihnachten ereignet sich im Hochsommer, und von fürchterlich kitschigen Plastiktannenbäumen am Pool und aufblasbaren Weihnachtsmännern in dicken Mänteln mal abgesehen, ist doch am schlimmsten von allem, dass man die Weihnachtspfunde direkt über die Badehose und aus dem Bikini quillen sieht. Fair ist was anderes!

Zurück zum Thema:
Ende November waren immer noch keine Pakete angekommen, und da die Eltern ja schon fast alles am Telefon runtergebetet hatten, was in den Paketen sei, war das Warten umso schlimmer, verzehrten wir uns doch schon ewig nach Lebkuchenherzen, Spekulatius und Zimtsternen.
Koffer-Chaos am Flughafen Hannover
Tja, für die Weichnachtswoche ging es dann nach Hause in den Winter zur Familie. Nachdem der Temperatursturz von rund 50°C und der Jetlag von 4 Stunden langsam überstanden war, konnten wir dann schließlich auch unsere Koffer vom Flughafen Hannover eine Woche später als unsere eigene Ankunft am 24.12. abholen. Ja genau, da war ja das Flugchaos...
So haben wir unsere eigenen Winterklamotten schließlich als Weihnachtsgeschenk in Empfang nehmen können (und konnten die ganzen geliehenen Wintersachen unseren Eltern zurückgeben (Wann habt ihr das letzte Mal Unterwäsche eurer Eltern getragen??, Ja, WIR AUCH NICHT!!)).
Weihnachtsmarkt Hannover
Ich finde, um Weihnachten genießen zu können, muss es kalt sein. Gern mit Schnee, auf jeden Fall aber mit Familie, Freunden und Weihnachtsmarkt. Niemals könnte ich den überteuerten, verwässerten und lauwarmen Glühwein vom hannoverschen Weihnachtsmarkt auslassen!
Aber Silvester kann man ziemlich gut bei 35°C mit Pool und Grill verleben. Ich vermisse den wunden Daumen nicht, den man sich beim Anzünden von Wunderkerzen mit vereisten Fingern am niemals gut funktionierenden Feuerzeug holt. Also waren wir pünktlich zum Jahreswechsel wieder im Hochsommer, mit Weihnachtsspeck am Pool (Fair ist was anderes!). Übrigens kauft der Argentinier keine großen Knallerschinken und eine Tüte Raketen wie der Deutsche.
Der Argentinier kauft "Totalzerstörungsboxen" (unsere hieß "Tropical Total Destroy"),  sogenannte Tortas, die so schöne Namen tragen wie Rom, Shanghai und Hannover, und die locker mal 2.200 Pesos (=420€) kosten für immerhin 3 Minuten totale Zerstörung.
Als wir in unserem Viertel ankamen, wurde uns tatsächlich das erste der beiden Pakete übergeben, zusammen mit der Abholkarte für das andere Paket! Themenwechsel:

Mondlandung, al-Quaida, Stoibers Rückzug... es gibt eine Menge Beispiele für eventuelle Verschwörungen, stets mit eindeutig auszumachenden Nutznießern. Ich zerbreche mir seit Tagen den Kopf, komme aber nicht darauf, wer nun letztendlich einen Vorteil aus der offensichtlichen "Kalorienverschwörung" zieht, einer Kooperation der deutschen Süßigkeitenindustriebranche und der argentinischen Post. So wurden unsere Diätpläne und Vorsätze des Jahres schon im Januar torpediert, indem uns erst 3 Monate später und nach Weihnachten rund 12 kg der herrlichsten Weihnachtsleckereien zugestellt wurden. Keine Chance zu entkommen. Aber noch hielten wir das 2. Paket ja nicht in den Händen... zurück:

Das zweite Paket musste ich im Hauptpostamt von Campana, Provinz Buenos Aires, beim Zoll abholen, da dieser wahrscheinlich noch andere Sachen als Kekse und Gummibärchen vermutete. Erste Möglichkeit zur Abholung war Freitag der 31.12.2010 - Silvester. Die Abholkarte wies deutlich die ausgedehnten Öffnungszeiten "Di - Fr von 10:00 - 12:00" aus. Nun war ja Silvester, also rief ich lieber vorher an, um sicher zu gehen, dass auch Silvester geöffnet sei. Nach der Bestätigung machten wir uns auf nach Campana, und nachdem wir nach etwas Suchen dann auch die Post gefunden hatten, hörten wir: "Na vom Zoll ist heute natürlich keiner da."

Nächster Versuch, Mittwoch, 5. Januar. Der freundliche Herr, der mich schon von Silvester kannte, sagte mir, ich hätte gestern kommen sollen. Er verwies auf den Abholzettel und ich verstand: Kleiner Fehler meinerseits. Es hieß garnicht Di - Fr sondern Di & Fr. ARGH!

Am darauffolgenden Freitag war ich dort, mit Abholkarte, Reisepass und Hoffnung, und wurde mir eines Phänomens bewusst, dass man aus Deutschland so auch nicht kennt: Eine riesige Schlange in der Post!
eptilienfreunde muss ich enttäuschen, nein, es warteten locker 50 Leute drinnen und draußen.  So ähnlich wie damals, als die Post noch keine AG war und jeder Ort ein Postamt hatte und jeder Mitarbeiter nur für eine Sorte Briefmarken ausgebildet war. Aufgerufen wird man per Nummer aus den Automaten, die man sonst nur vom Arbeitsamt kennt. Zum Glück stand ich "nur" an der Zollschlange. Nach einer dreiviertel Stunde durfte ich dann rein und mein Paket in Empfang nehmen. Zuhause freuten wir uns dann über jede Menge Weingummi von Hans Riegel aus Bonn sowie feinste Weihnachtsgebäcke. Nicht zu vergessen die Unmengen an Lakritze, die man hier einfach nicht bekommt! Und wohl aus gutem Grund.
Paket-(Kalorien)Bombe
Ich habe noch keinen Argentinier gefunden, der nicht sofort das Gesicht angewidert verzogen hat, nachdem sich der Geschmack der Katzenkinder entfaltet hatte. Man mag das hier einfach nicht.

Wenn der Argentinier eines gut kann, dann ist es Schlange stehen. Ist der Verkehr hier doch sonst ein einziges Chaos, umso organisierter ist das Anstellen an Bank- und Postschaltern. Ja, auch an Geldautomaten stand ich schon 10 Minuten hier an, sowie an Tankstellen, weil gerade einmal wieder das Benzin knapp wurde. Mitunter bekommt man dann nur Sprit für 50 Pesos zugeteilt, rund 20 Mark, rund 10 Euro. Vor 2 Wochen musste ich zu 5 Tankstellen fahren, um zu tanken. Und das, wenn man sowieso schon leicht angespannt ist, weil die Reservelampe bereits seit 5km leuchtet, man die Fenster schon geschlossen und die Klimaanlage ausgeschaltet hat. Übrigens kein Vergnügen bei 32°C draußen! Aber so gibt es beim Suchen erst den richtigen Kick! Dazu empfiehlt der Küchenchef eine musikalische Untermalung von AC/DC oder Linkin Park.
Besonders beeindruckt bin ich immer wieder von den perfekten geformten Warteschlangen an Bushaltestellen. Während sich in Deutschland die Rentner mit den Schülern prügeln, zieht der Argentinier eine virtuelle Wartemarke und stellt sich brav hintereinander an den Bordstein. Sieht irgendwie witzig aus!

Abschließend kann ich sagen, dass ich hier eine neue Gelassenheit gelernt habe, denn warten ist manchmal echt okay. Man hat es doch meistens selbst in der Hand, ob man während dieser Zeit etwas sinnvolles für Körper und Geist tut, ein Buch liest oder die Gedanken einfach mal schweifen lässt, denn wer hat da heutzutage denn eigentlich noch Zeit zu, bzw. nimmt sich die Zeit. Gleichzeitig möchte ich allen Freunden danken, die uns diese neue Gelassenheit nicht krumm genommen haben, als sie bei unserem Winterbesuch eine dreiviertel Stunde auf uns in der Bar gewartet haben, in die wir sie eingeladen hatten. Schön, dass es euch gibt. Bis zum nächsten Mal! Liebe Grüße aus dem Hochsommer!

Sonntag, 9. Januar 2011

Motos in Buenos Aires

Ich bin immer wieder überrascht, auf welche Art und Weise sich die Moto-Fahrer hier auf den Straßen präsentieren. Helme werden selten getragen, zumindest in der Provinz. In der Hauptstadt sieht man mehr Helme, weil die Polizei dort präsenter ist. Aber hier in meiner Gegend, rund 50km vom Zentrum entfernt, werden Helme bei der Fahrt eher als Ellenbogen- oder Handgelenkschoner benutzt, oder, was noch bescheuerter aussieht, als Stirnschoner, oben auf dem Kopf.
Gestern hatte ich Glück und die Kamera zur richtigen Zeit am richtigen Ort im Anschlag, um diesen vorbildlichen Moto-Fahrer zu fotografieren, der anscheinend die Gebrauchsanweisung des Helmes gelesen und verstanden hat. Daumen hoch! 

Wer genauer hinsieht, wird aber auch hier ein Fehlverhalten entdecken:


Erkannt?! Ganz genau! Das Kennzeichen ist ziemlich schmutzig und sollte dringend gereinigt werden.

Weiterhin gute Fahrt!

Samstag, 30. Oktober 2010

Volkszählung 2010: Ganz schön viele, und plötzlich ein Großer weniger

"Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde." So beginnt eine recht bekannte Geschichte über eine Volkszählung, die jedes Jahr wieder etwa um die gleiche Zeit sehr populär wird. Hier war es am letzten Mittwoch, dem 27.10.2010 ähnlich, nur dass es Königin Cristina war, die zur Zählung rief.
2010 ist ein großes Jahr für das argentinische Volk: 200 Jahr-Feier "El Bicentenario", 10. große Volkszählung (Censo), die nur alle 10 Jahre stattfindet und ein glanzloser Untergang bei der Fußball-WM. Den Censo muss man nun aber mal genauer betrachten, denn gerade in einem Land wie Argentinien, achtgrößter Staat der Erde mit gerade mal der Hälfte der Bevölkerung Deutschlands (ca. 40 Mio.), ist das ein spannendes Unterfangen. Zunächst nochmal zur Erinnerung: Hier kann man jeden (!) Tag im Jahr einkaufen, samstags, sonntags, feiertags, meistens bis 22 Uhr in den großen Shopping Centers. Nicht so am 27.10.10. Man hat zuhause zu bleiben, bis ein Censor geklopft und seine Fragen gestellt hat. Keine Läden haben geöffnet, keine Kinos, keine Veranstaltungen, keine Restaurants, dafür wurde extra ein Dekret verabschiedet, dass den Tag zum nationalen Feiertag macht. Der Argentinier hat quasi Hausarrest von 8:00 - 20:00, bis er gezählt und dokumentiert wurde.
Dieser gewaltige staatliche Kraftakt kostet Zeit und ein Vermögen. Rund 650.000 Censoren sind im ganzen Land mit ihren Fragebögen unterwegs, in den Städten, auf dem Land, in den Baracken- und Armenvierteln. Die Fragebögen werden hinterher von Computern ausgelesen und verwertet. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein. Die Kosten wurden seinerseits mit 303 Mio Pesos veranschlagt, leider hatte man sich dabei empfindlich um 72% verkalkuliert, und somit schlägt der Censo 2010 nun mit ca. 520 Mio Peso zu Buche, rund 100 Mio Euro. "Censiert" werden Haushalte und Personen, das heißt ein Ehepaar bekommt einmal gemeinsam Fragen zum Haushalt gestellt und danach jeder einzelne noch persönliche Fragen. Nicht erfragt werden Nachnamen, Einkommen oder Dokumente. Hier nun ein paar Beispiele aus den offiziellen Fragebögen 2010:
  • Können Sie lesen und schreiben?
  • Aus welchem Material besteht ihr Fußboden?
    • Keramik, Fliesen, Mosaik, Holz oder Teppich?
    • Zement oder befestige Backsteine?
    • Erde oder lose Backsteine?
    • anderes?
  • Das Wasser beziehen Sie aus...
    • dem öffentlichen Wassernetz?
    • einem Brunnen mit motorisierter Pumpe?
    • einem Brunnen mit Handpumpe?
    • einer Grube?
    • einem Tankwagen?
    • der Regentonne, einem Fluss, Kanal oder Bach?
  • Hat der Haushalt eine Toilette?
  • Falls ja, hat die Toilette eine Spülung per Knopfdruck oder Kettenzug?
  • Der Haushalt besitzt:
    • einen Computer?
    • einen Kühlschrank?
  • und viele weitere Fragen zu Alter, Geschlecht, Bildung, Herkunft, Beruf, Gesundheit, etc.
    Den kompletten Fragebogen (auf Spanisch natürlich) gibt es hier: Klick!
Manchmal schmunzelt man beim Lesen der Fragen, manchmal wird man nachdenklich. Und es gibt eine Menge Menschen, die geantwortet haben werden, dass ihr Dach hauptsächlich aus Pappe besteht. Wir haben unsere Fragen brav beantwortet und sind nun Teil der argentinischen Bevölkerung. Die Auswertung der 172 Mio Papierseiten dürfte trotz Maschinenlesbarkeit etwas dauern.

Eigentlich wäre der Censo noch bis Mittwoch 23:00 weiter gegangen, aber ein erschütterndes Ereignis überschattete den Tag: Der Tod des Ex-Präsidenten  (2003-2007) Néstor Kirchner, mächtigster Politiker des Landes und Ehemann der aktuellen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner. Morgens um kurz nach 8 Uhr befand sich Argentinien in Schockstarre, alle Sender haben nur noch Bilder von Kirchner gezeigt. Er erlag mit 60 Jahren einem Herzinfarkt, wurde allein dieses Jahr zwei Mal am Herzen operiert. Argentinien trauert um einen Helden des "Peronismus". Jedenfalls glaubt man das ersteinmal, wenn man den Fernseher einschaltet oder die hiesigen Zeitungen durchblättert. Aber wie es beim Thema Politik immer ist, gibt es auch viele andere Stimmen, die von der endgültigen Befreiung vom "Kirchnerismo", vom korrupten Terroristen Kirchner sprechen. Einen Tag später wurde ich auf der Arbeit von einem argentinischen Kollegen gefragt, was ich vom Tod von Kirchner halte. Ich habe gesagt, dass ein plötzlicher Todesfall generell zu bedauern ist, und dass ich mich zu mehr nicht äußern kann und will, da ich mich nach etwas über einem Jahr Aufenthalt in Argentinien nicht in der Lage sehe, die Politik dieses Landes zu beurteilen, und deswegen lieber garnichts sage, bevor ich jemandem zu nahe trete. Das hätte wohl ebenfalls von einem Politiker stammen können.  Es ist übrigens auch die beste Art sich rauszureden, wenn man von Kollegen oder Geschäftspartnern oder sei es auch nur vom Taxifahrer zur Politik Argentiniens befragt wird.
Kirchner wurde im Regierungsgebäude aufgebahrt und tausende Argentinier nahmen Abschied. Auf der Plaza de Mayo vor dem Präsidentinnenpalast wurde heftig demonstriert und verabschiedet. Argentinien ist für einen Moment führungslos. Wer glaubt, dass die Präsidentin das Land führt, glaubt auch, dass ein Zitronenfalter Zitronen faltet. ER war der starke Mann in ihrem Rücken, ER hat praktisch alle politischen Entscheidungen gefällt. Ob gut oder schlecht, will ich hier nicht bewerten. Sehr wahrscheinlich wäre er 2011 wieder Präsident geworden. Nun kann man nur hoffen, dass Cristina gute Berater hat.

Sonntag, 26. September 2010

Traumstadt Buenos Aires

Das ZDF ist meinen Geschichten und Tipps einmal nachgegangen und hat eine Dokumentation über Buenos Aires gedreht und vor kurzem ausgestrahlt. Wer sie nicht gesehen hat, kann sich hier die Doku online in der ZDF mediathek anschauen: Klick!

Je nach Internetverbindungsgeschwindigkeit kann es sinnvoll sein, den Player auf Pause zu schalten und etwas vorladen zu lassen, bevor man weiter guckt. Viel Spaß!


Samstag, 18. September 2010

Aufgepasst Deutschland: So grillt man richtig!

Endlich ist sie da - die Grillsaison! Ja richtig, ich spreche von Argentinien, denn hier bricht der Sommer an. Aber schon habe ich mich geirrt: Hier gibt es gar keine echte Grillsaison... Solange es nicht regnet, ist immer Grillsaison! Nicht wie diese Schönwettergriller in Deutschland, wo der Tag des alljährlichen "Angrillens" wie ein Feiertag zelebriert wird. Nein, der Argentinier lebt quasi vom und fürs Grillen. Und wenn es einer kann, dann Er.
Nochmal kurz zur Erklärung: Das "Grillen" nennt man hier Asado und "der Grill" ist die Parrilla (gesprochen Parriescha, mit rrrrollendem Caroline-Reiber-Gedächtnis-"Rrrrrrr").
Carnicería
Wer hier als Deutscher einmal durch die Fleischabteilung im Supermarkt gegangen ist, weiß wovon ich spreche. Echtes argentinisches Rindfleisch. Wobei der typische Argentinier eher nicht in den Supermarkt sondern in die Carnicería seines Vertrauens geht. Ok ok, ich habe schon oft über den unvergleichlichen Geschmack an dieser Stelle philosophiert, deswegen möchte ich heute ein bisschen auf die Hauptunterschiede in der Zubereitung auf dem Grill eingehen. Meine deutschen Freunde mögen mich fern-steinigen, ich bin weißgott kein Grillmeister. Meine persönliche Spezialität auf dem Rost ist Nackensteak, außen verkohlt, innen noch gefroren. Einmal habe ich rein zufällig bei der Zubereitung des Frühstücks in der Pfanne einen neuen Aggregatzustand von Speck entdeckt. Der Speck war dermaßen kross, dass er bei Berührung mit Besteck sofort in den gasförmigen Zustand hinüberwechselte, sprich er verpuffte quasi ins Nichts. Der Physiker spricht von der sogenannten Speck-Sublimation. Ich bin damit unter den Kandidaten um den Nobelpreis 2011, drückt mir die Daumen!
Jetzt aber zu den Grillunterschieden:
  1.  Die Hardware

    Der deutsche Grill ist ein eher zierliches und wackeliges Gestell aus

    Der deutsche Standgrill
    filigranem Draht, ein Dreibeiner, dem man gerade so die Tragkraft für diese transparenten "Minutensteaks" zutraut, die man getrost als hübsch durchscheinende Fensterbilder an die Balkontür kleben kann. Ja, ich verallgemeinere, es gibt sicher auch den einen oder anderen Deutschen, der den George-Foreman-Gasgrill auf dem frisch geharkten Kies im Garten stehen hat. Ein Argentinier würde dieses Gerät nicht als Grill wahrnehmen, allenfalls um das erste Holz darauf anzufeuern. Mit einem Schmunzeln. Die Argentinier sind stolz auf ihre Grillkultur. Ich habe beim letzten Grillevent bei mir ein Geburtstagsgeschenk gezeigt, dass ich in Deutschland bekommen habe: Ein elektronischer Grillgutprüfer, der die Temperatur und Garheit des Fleisches anzeigt. Als das Gelächter verhallt war, wurde ich gebeten, dieses "Ding" bitte umgehend aus den Augen zu entfernen, das sei eine Sache von Respekt. Ich denke, das sagt alles. So, nun zum Herausforderer...


    Die Parrilla

    Die typische Parrilla ist mindestens einen Meter breit, in der Regel ein gemauertes Werk das direkt ans oder ins Haus gebaut ist und damit einen nicht unerheblichen Teil der Wohnfläche einnimmt. Ja richtig, der Argentinier "wohnt" quasi in seinem Grill. An der Seite gibt es eine Kurbel, mit der sich die Höhe des Rostes stufenlos verstellen lässt. Rechts neben dem Rost findet man häufig einen Feuerkorb aus dickem Metall. Soweit ich weiß stammt diese Technik aus Uruguay und wird benutzt um die Kohle, oder noch besser das Holz für das Asado vorzubereiten. Der Rost der Parrilla besteht nicht aus Stäben sondern aus starken "V-Trägern", die das austretende Fett in die Ablaufrinne befördern, damit es nicht in die Glut tropft. Gereinigt wird der Rost nur mit Zeitungspapier, wenn er heiß ist. Wer den Rost mit Reinigungsmitteln bearbeitet, begeht eine Todsünde und vernichtet den typischen Asado-Geschmack.

  2. Die Vorbereitung

    Deutschland: Kohle rein, Spiritus druff (viel hilft viel!), anzünden, den Schnurrbart löschen und 30 Minuten warten.

    Argentinien: Wer um 16:00 Uhr essen will, muss 3,5 Stunden vorher anfangen, vor allem, wenn man mit Holz grillen will. Man schichtet etwas Holz im Feuerkorb auf und bringt es mit Zeitungspapier und dünnen Holzstäbchen zum Brennen. Wenn das Holz schön brennt, bröckeln die ersten verwendbaren Stücke durch den Feuerkorb nach unten. Man verteilt diese selbstgemachte Kohle dann mit einer Kaminschaufel gleichmäßig unter dem Rost, aber nur ganz flach. Der Argentinier grillt nicht mit Hitze sondern mit Zeit. Bis das erste Fleisch auf den Rost kommt, sind so locker 1,5 Stunden vergangen...

  3. Das Grillen

    Deutschland: Wenn die Kohle komplett weiß ist, hat sie eine gute Hitze und kann ihr Werk vollstrecken. Nackensteak, Bratwurst, und Schinkengriller druff, das ganze bei gefühlten 12.000 Grad (die Sonnenoberfläche hat ca. 5.500 °C) von allen Seiten gut durchgaren. Zeitansatz: Ca. 10 Minuten würde ich sagen. Am deutschen Grill wechselt man sich ab, damit alle schnell essen können. Außen kross, innen saftig, wenn möglich.

    Argentinien: Das Bife de Lomo (Filetsteak), das Bife de Chorizo (Rumpsteak), die Chorizos (würzige kleine Bratwürstchen) und die Provoleta (ein Grillkäse mit Kräutern) auf die Parrilla. Das, was mehr Hitze braucht, wird auf die Seite des Feuerkorbes gelegt, der Rest auf die dem Feuer abgewandte Seite. Das ganze so niedrig kurbeln, dass man darüber gerade so die Hand halten kann. Ab und zu Glut nachschaufeln und verteilen. Das Lomo wird übrigens am Stück gekauft und gegrillt, 2 kg-Klumpen sind normal. Übrigens ohne wilde Marinade, denn hier schmeckt das Fleisch einfach so ohne alles. Argentinische Spezialitäten auf dem Grill sind aber noch unter anderem Chinchulines (Dünndarm vom Kalb), Mollejas (Thymusdrüse vom Kalb, siehe Blog vom 4.8.2009), Matambre (Bauchlappen), Morcilla (eine breiige Blutwurst) und auch sonst eigentlich alles, was die Kuh so mehr oder weniger freiwillig hergibt. Ich glaube, Kühe werden in diesem Land zu 100% verwertet. Ich meine, es ist Milch, bei der man die Verpackung mitessen kann! Super! Ein kulinarisches Highlight ist "Matambre a la pizza", im Bild links das bunte, große matschige Ding. Der Argentinier benutzt das Fleisch dafür sogar als Pizzaboden, belegt es mit Provolonekäse und gießt Tomatensoße drüber. Ich glaube, er würde gern einfach alles aus Fleisch machen...
    Der Grillmeister heißt Asador, er serviert die Speisen aber lässt niemand anderen an den Grill, da ja keiner außer ihm weiß, wie lange das große Lomo schon in seiner jetzigen Position dort liegt. Dafür hält er sich aber auch das beste Stück für den Schluss zurück und bekommt am Ende einen anerkennenden Applaus. Dauer eines Asados: Auf jeden Fall über 3 Stunden. Zum Asado gibt es in der Regel sonst nur Salate und viel Wein oder Bier. Grillsaucen werden eher nicht benutzt, höchstens Chimichurri, eine recht scharf gewürzte Gemüsesoße, die ihr unbedingt fürs nächste Grillen bereit halten solltet!
Es ist halt schon etwas besonderes, das Grillen in Argentinien. Aber nichtsdestotrotz würde ich auch gern mal wieder in ein gut gewürztes und eingelegtes Nackensteak beißen. 

Abschließend verweise ich auf einen Artikel der argentinischen Zeitschrift "Planeta Joy", die die 10 Todsünden des Asado zusammengetragen hat. Ich werde sie so gut ich kann kurz zusammen fassen und übersetzen. Bedenke: Was in Argentinien gilt, kann auch für ein deutsches Grillen nicht verkehrt sein!
  1. Keinen Alkohol verwenden, um den Grill anzuzünden! Das beeinflusst den Geschmack negativ. Lieber trinken...!
  2. Nicht irgendein Holz verwenden! Es muss "gepflegt" und trocken gelagert werden.
  3. Das Fleisch nicht mit Zeitungspapier abdecken um die Hitze zu "halten".
  4. Nicht das Fleisch schneiden um zu sehen, ob es saftig ist. Dies wird als Verbrechen gegen die Menschlichkeit angesehen. Die Säfte treten dann aus und machen das Fleisch zur Schuhsohle...
  5. Gefrorenes Fleisch gehört nicht auf den Grill. Erst im Kühlschrank auftauen lassen.
  6. Nicht zuviel Hitze (Siehe meine Spezialität: Außen verkohlt, innen blutig)
  7. Knochen gehören nach unten, so kann das Fleisch stundenlang garen.
  8. Fertiges Fleisch gehört nicht auf Metall, das senkt die Temperatur zu stark. Das Fleisch wird besser auf Holzbrettchen serviert.
  9. Weiche Fleischstücke nicht zu stark und zu schnell erhitzen
  10. Geduld! Das Feuer nicht mit Fön oder anderen Dingen versuchen zu beschleunigen und das Fleisch nicht ständig drehen und wenden.
Viel Spaß beim nächsten Grill-Event! Schickt mir Bilder, ich veröffentliche hier gern Fotos der schönsten gefüllten Grillroste! Zeigt mir, dass ihr was gelernt habt!

Sonntag, 15. August 2010

Das Garbarino-Erlebnis, oder: Die Kompliziertheit des Seins

Endlich war es soweit, wir hatten uns durchgerungen... ein Traum in weiß, glänzend, vor Power strotzend: Ein Whirlpool! Genauer gesagt eine Whirlpool WFA 900, mit 5kg Fassungsvermögen und 900 Umdrehungen. Die alte Waschmaschine hat schon mindestens 10 Jahre auf dem Buckel, hat zwei Temperatureinstellungen (X?° und 60°), und ist seit längerem nur noch mit dem Schraubenzieher zu öffnen. Da mein Mietvertrag eine Waschmaschine auflistet, muss ich also sowieso eine neue kaufen, denn die Alte ist nun kaputter als beim Einzug. Warum also nicht gleich eine Neue kaufen und selbst noch in den Genuss von 900 RPM kommen?!

Nichts einfacher als das! Ach halt - wir sind ja in Argentinien... Und was mir hier wirklich fehlt, sind Elektro-Großmärtke, genau die, die einem in Deutschland jedes Mal aufs Neue und auf nervigste Art und Weise erklären wollen, dass man ja blöd sei, wenn man wo anders kaufen würde, weil man ja teuer hasst. Wobei die Märkte eigentlich wohl Grammatik und Intelligenz hassen... Aber ich bin auch einer dieser Männer, die stundenlang in irgendwelchen Technik- und Multimedia-Läden herumschlendern können, nur ein bisschen gucken, mit den Fingern halt. So wie Frauen im Schuhgeschäft. So, an dieser Stelle der Schwenk zu Argentinien. Hier gibt es zwar eine relativ große Auswahl in den allgemeinen großen Supermärkten, aber diese mehrgeschossigen, vor Elektrosmog nur so knisternden Hochglanz-Bauten, bei denen sich die Messer in der Schublade regelmäßig nach Norden ausrichten, wenn man in der Nähe wohnt, diese wunderbaren Schöpfungen der Neuzeit sucht Mann hier vergebens. Eine der wenigen Alternativen, die ich bislang kennen gelernt habe, ist Garbarino. Verhalten sich die Verkäufer in den HiTech-Centern Deutschlands ja eher wie Silberfische, wenn das Licht angeht, macht man keine 10 Schritte in einem Garbarino, bis man das erste Mal sehr freundlich angesprochen wird (1*). Hat man sich entschieden, möchte man ins Regal greifen, sich einen Artikel schnappen und ihn triumphierend zur Kasse bringen. Aber hier nicht. Man kann nicht einmal Kleinartikel selbst zur Kasse bewegen.

Hier also der Ablaufplan:

Station 1: Man sucht sich einen Verkäufer seiner Wahl und erklärt ihm, welches Gerät man gern in sein Eigentum übertragen möchte. "Verkäufer" ist allerdings ein falsches Wort, jedenfalls wenn man an die technisch Bewanderten daheim denkt. Die Garbarinos können runterbeten, was auf den ausgestellten Schildchen der Artikel steht, bei Nachfragen ist in der Regel Feierabend. Also sollte man sich vorher gut informieren. Zum Glück hat man 3 Tage (!!!) Rückgaberecht.
Ich zahle immer mit Karte, er zieht sie durch und fragt mich allerhand Sachen, weil die Waschmaschine ja zu mir geliefert werden soll. Warum gibt es eigentlich keine Waschmaschine-2-go? Ich unterschreibe den Abbuchungsbeleg und freue mich auf, dass alles so gut geklappt hat!

Station 2: Ich werde zur Kasse geschickt. Aber ich habe doch gerade schon bezahlt...?! Mit meinem Abbuchungsbeleg also zur eigentlichen Kasse, nochmal EC-Karte und Ausweis geben, wieder warten, und die knapp DIN-A3-große Rechnung in Empfang nehmen. Endlich fertig. Bei diesem Kauf stimmt das, aber als ich beim letzten Mal die Küchenwaage ja nicht nach Hause schicken lassen wollte, ging es also zu...

Station 3: Die Warenausgabe. Selbst der kleinste Artikel wird erst nach den zwei ersten erfolgreich abgeschlossenen Levels des Jump´n´Run-Games an der Warenausgabe ausgehändigt. Ein Mitarbeiter schiebt das Paket über den Tresen, man möchte es strahlend in Empfang nehmen, aber - erst macht er das Paket auf, holt alles heraus, zeigt einem jedes Einzelteil. Ich hatte schon damit gerechnet, dass er mir dann auch ein paar Rezepte für Empanadas herunterbetet. Fehlte eigentlich nur noch, dass er mich nach dem Passierschein A-38 fragt, den man erst nach Ausfüllen des rosa Formulares bekommt.

Karton unterm Arm, vor die Tür, laaangsam durchatmen... alles gut! Naja, die vorhin angeschlossene Waschmaschine, funktioniert nicht richtig, muss den Service anrufen. Aber das ist ok, das habe ich erwartet. Man lernt damit zu leben, dass nichts beim ersten Versuch funktioniert. Bislang musste ich meine Dosis  Blutdruck reduzierender Tabletten nicht erhöhen. Man wird gelassener.

Ein bisschen mulmig ist mir bei dem Auto, das wir vorhin gekauft haben... Naja, wir haben es mit 200 Peso (40 Euro!) angezahlt! Das soll bitte funktionieren. In Deutschland wäre es völlig dämlich einen Neuwagen zu kaufen, wenn man wahrscheinlich nur noch 2 Jahre im Land bleibt. Aber hier ist der Wertverlust minimal, sodass es kaum einen Unterschied macht. Die Inflation trägt ihren Teil dazu bei. Na immerhin hat das Autohaus einen deutschen Werkstattmeister! War das jetzt rassistisch? Nein, ehrlich.

Immer spannend, nie langweilig! Vorgestern habe ich auf der Arbeit einen einheimischen Kollegen getadelt, wie er denn ohne Sicherheitsgeschirr auf den Staplergabeln in mehreren Metern Höhe herumturnen kann... "Was ist, wenn du da runterfällst???" Und er antwortete mit einem Lachen und einem Blick, der seinen IQ zweifelslos unter Zimmertemperatur  einordnen lässt: "Hehehe, ja, genau..." Da heißt es nur Zähne zusammenbeißen und durch. Willkommen im Land, das Verrückte macht!

Samstag, 10. Juli 2010

"Che, querés un mate, boludo??"

Argentinischer könnte ein spanischer Satz nicht sein, würde ihn in Spanien und vielen Teilen Lateinamerikas schließlich kaum einer sofort verstehen... Gleichzeitig enthält er viele Wörter, die eine lange Geschichte haben und von den meisten Argentiniern jüngeren Alters quasi in jeden Satz gestopft werden. Ich werde versuchen, ein wenig Bildungsinternet zu bieten und die Bestandteile ein wenig zu erläutern, aber keine Angst, dies wird keine trockene Spanisch-Lehrstunde- soweit solltet ihr mich mittlerweile kennen. ;-)
  • Che
Ursprünglich ein Terminus aus der Indio-Sprache, wird er in Argentinien quasi für jeden verwendet, den man ansprechen will, wenn man einigermaßen bekannt mit demjenigen ist. Steht es am Satzanfang wie oben, möchte man mit "Che" gleichzeitig Aufmerksamkeit erwecken ("Hey, Du, äh"), wie auch eine gewisse freundschaftliche Verbindung herstellen. Seinen Chef spricht man so nicht an, denn es kann je nach Verwendung auch mit "Kumpel" oder "Alter" übersetzt werden. Ans Satzende gestellt ("Que hacés, che??"), wird es als nachdrückliche Betonung verwendet und könnte übersetzt werden mit "Was machst du da, he??". Es wird als Ansprache auch gern Namen vorangestellt: "Che Oliver, ...".
Als hautpsächlich argentinische Besonderheit wurde das "Che" auch als Spitzname für den argentinischen Arzt und späteren marxistischen Revolutionsführer Kubas Ernesto "Che" Guevara de la Serna benutzt, weil er die Leute oft mit Che ansprach und für kubanische Ohren komisch sprach, was die Kubaner anfangs nicht kannten und ihm so diesen Spitznamen verpassten. Seitdem ist er weltweit als Che oder El Che bekannt.
Als ich mich an dieses geflügelte Wort gewöhnt hatte, fing ich an mich zu trauen, es als Ansprache von argentinischen Kollegen zu benutzen, was erstmals in Gelächter endete, weil es unglaublich komisch und wahrscheinlich sehr albern klingt, wenn ein "Auswärtiger" solche ur-argentinischen Begriffe verwendet. Gleichzeitig wurde ich dann aber auch als "halber Argentinier" gelobt, was ich nach einem halben Jahr Aufenthalt durchaus mit einem gewissen Stolz und als Akzeptanz der Argentinier sehe. Andererseits macht es einfach auch unheimlich viel Spaß, Che zu sagen!
  • querés
 In Spanien wird die spanische Sprache eher "Español" genannt, in Argentinien eher "Castellano", beides sind aber zu 100% Synonyme. Diejenigen von euch, die einmal Español gelernt haben, wie es in Spanien gesprochen wird, werden verwirrt sein, handelt es sich hier doch eigentlich um die 2. Person singular von "mögen = querer". In Español wäre dies "tu quieres". In Argentinien (und einigen anderen Regionen Latein-Amerikas) gibt es eine grammatikalische Besonderheit: Den Voseo: "vos querés". Kurz erklärt, handelt es sich dabei eigentlich "nur" darum, dass die Du-Form der Verben anders gebildet wird, so wie auch das DU anders übersetzt wird. In Spanien ist es "Tú", in Argentinien ist es "Vos". Die Regel für regelmäßige Verben für den Voseo lautet ziemlich einfach:

Infinitiv     -     Präsenz, 2. Person singular
  • Hablar     -     vos hablás
  • Comer     -     vos comés
  • Vivir        -     vos vivís
Die Betonung liegt dabei immer auf der Silbe mit Akzent. So, soll nochmal jemand behaupten, ich biete hier nichts lehrreiches!
  • (un) Mate
Mate habe ich in dem einen oder anderen Artikel schonmal erwähnt, im Internet gibt es seitenlange Erklärungen dazu, im Handel ganze Bücher über Herkunft, Geschichte und Zubereitung. Ich werde es nochmal ganz kurz erklären, das letzte Mal, versprochen!
In Deutschland kennt man zumindest den Mate-Tee, dem eine besonders belebende Wirkung zugesprochen wird. Mate ist ein Aufgussgetränk, das in Südamerika schon vor der Kolonialisierung getrunken wurde. In Argentinien ist Mate allgegenwärtig, zu jeder Tageszeit. Es wird aus den zerkleinerten Blättern des Mate-Strauches hergestellt, mit heißem (nicht kochendem!) Wasser aufgegossen und durch eine Art metallischem Strohhalm mit eingebautem Filter ("Bombilla") getrunken. Als Gefäß diente ursprünglich ein kleiner ausgehöhlter Kürbis, mittlerweile wird Mate auch oft aus Holz- oder Metallgefäßen getrunken.
Viel wichtiger ist aber, den sozialen Aspekt des Mate trinkens zu erläutern:
Man trinkt Mate zum (oder als) Frühstück zuhause, auf dem Weg zur Arbeit, auf der Arbeit, mit Freunden, mit Kollegen und mit Verwandten. Die Argentinier haben so ziemlich immer alles Nötige für Mate dabei: Das Gefäß (den Mate), das "Kraut" (das Yerba), die Bombilla, eine Thermoskanne mit heißem Wasser und bei Bedarf Zucker. Sie trinken Mate auch gern beim Auto fahren, meistens (nicht immer!) bereitet der Beifahrer den Mate zu. In eine Gruppe mehrerer Leute wird das Mate trinken regelrecht zelebriert und es gibt sogar richtige "Regeln". Das geringe Fassungsvermögen des Mate sorgt dafür, dass man eigentlich immer nur einen bis zwei Schlucke schlürfen kann, bis das Wasser nachgegossen werden muss. Der, der den Mate zubereitet (El Cebador), trinkt den ersten Mate immer selbst, weil der erste Aufguss recht bitter ist und somit unzumutbar für die anderen - selten sind Argentinier so höflich! Dann wird wieder aufgegossen, immer auf die gleiche Stelle. Dann wird der Mate dem Nächsten gereicht, dabei ist es wichtig, dass die Bombilla auf den Empfänger zeigt. Zum Auffüllen wird der Mate immer an den Cebador zurückgegeben. Vertut man sich bei der Rückgabe und gibt ihn jemand anderem, wird das mit Kommentaren "bestraft". Alle trinken aus der selben Bombilla. Es gilt als sehr unhöflich, die Bombilla abzuwischen.
Wenn man als Ausländer in Argentinien sagt, dass man gern Mate trinkt, hat man die halbe internationale Freundschaft bereits gewonnen, so gern trinkt der Argentinier seinen Mate, nicht ohne einen gewissen Stolz.
  • Boludo
 So, jetzt wird es kompliziert, denn Boludo kann vieles bedeuten, je nach sozialem Umfeld, Zusammenhang und Betonung - und das kann ganz derb daneben gehen! Deswegen werd ich für die Erklärung Beispielsätze verwenden:



  • "Que boludo!"     -     "Was für ein Idiot!"
In diesem Zusammenhang genannt, weiß ich gar nicht mehr, wie ich es vor meinem Leben in Argentinien eigentlich ohne dieses Wort geschafft habe, zu fluchen. Von mir wird es hauptsächlich auf der Arbeit oder beim Auto fahren verwendet, also über andere sprechend oder denkend.
  • "Boludo!!"     -     "Idiot! / Trottel! / A***loch!"
Als Ausruf  verwendet, ist es quasi immer ein Schimpfwort, dabei noch ein relativ sanftes. Der Argentinier kennt eine astronomische Menge an Schimpfwörtern, nie ohne noch eine weitere Steigerungsmöglichkeit auf Lager zu haben. Ich denke, wenn ich hier weitere Beispiele bringen würde, wäre der Blog innerhalb von wenigen Stunden gesperrt oder hätte einen "Explicit Lyrics!"-Aufdruck, deswegen sehe ich an dieser Stelle davon wissentlich ab. 
  • "Boludo, xxx, boludo."     -    ...
Im Plausch unter Freunden wird Boludo oft sogar mehrmals in einem Satz verwendet, oft am Anfang und am Ende, dann allerdings ohne unfreundlichen Hintergrund. Es heißt dann eher soviel wie "Alter" oder "Kumpel", also fast ähnlich dem Che. Diese Art zu sprechen ist aber mit Vorsicht zu genießen und sehr vom Umfeld abhängig. Von den Älteren wird es eher als vulgär empfunden. Da ist sie also schon wieder dahin, die argentinische Höflichkeit. Trotzdem, wenn man diese Gratwanderung beherrscht, ist man quasi eingebürgert.

Hey, möchtest du einen Mate, Alter?


Man sieht also, Spanisch ist nicht gleich Spanisch, und die Verwechslung  kann durchaus gefährlich oder witzig enden, zumal die Wörter in anderen spanisch sprechenden Regionen nicht nur keinen, sondern auch einen ganz anderen Sinn haben könnten. 
Der Rock als Kleidungsstück heißt in Spanien "falda", in Argentinien "pollera". Ein Spanier würde sich aber unter Pollera eher eine Hühnerverkäuferin vorstellen. Man male sich die möglichen Konsequenzen aus, wenn er zu ihr sagt: "Was für ein schöner Rock!". Hier eine kleine Wiki-Liste mit anderen Beispielen: Klick!
Das Verb Coger ist in Spanien ein Universalverb, man kann damit Äpfel pflücken, einen Ball auffangen, etwas aufheben oder sich ein Taxi teilen. In Argentinien ist es aber DAS F-Wort, dass sich auf zwicken reimt... An dieser Stelle lasse ich eurer Fantasie freien Lauf, ich wette über die Missverständnisse in Zusammenhang mit diesem Verb könnte man sehr lustige Bücher füllen!
Ich gebe zu, diese Story war vielleicht weniger lustig, als andere, aber ich sehe auch einen gewissen Bildungsauftrag in meiner Aufgabe. Außerdem erwarte ich von jedem, der mich besuchen kommt, bei Ankunft einen gewissen Grundwortschatz. Ach und falls ihr gerade auf dem Weg seid, tut mir den Gefallen und fragt am Flughafen hier einen beliebigen Mitwartenden, ob ihr euch nicht ein Taxi teilen wollt und erzählt mir dann, was danach passiert ist... Ich brauche Stoff für neue Geschichten!

Sonntag, 4. Juli 2010

Das 4:0 in Buenos Aires

Kennen Sie das auch? Sie gehen zu einem Vuvuzela-Konzert, und plötzlich fangen ein paar Banausen an Fußball zu spielen?? Ich habe oft gedacht, ich hätte einen Bienenschwarm im Fernseher...


Zuersteinmal: Ich lebe! Ich wurde weder gesteinigt, noch auf offener Straße verbal angegriffen... jedenfalls bis jetzt. Es ist Sonntag, der 4. Juli 2010. Tag 1 nach dem grandiosen 4:0 Sieg der Deutschen Elf über die Argentinische Selección. Tag 1 nach der vernichtenden Niederlage einer stolzen Mannschaft und ihres Trainers, des einstigen Fußball-Weltstars Diego Armando Maradona. Aber ich bin zu schnell, kurz mal ein paar Wochen zurückrudern...:

Sätze wie "Euch werden wir schön...!", gefolgt von eindeutigen, international verständlichen Gesten beherrschten in den letzten Wochen das Leben und Arbeiten zwischen den Deutschen und den Argentiniern, in deutsch wie in spanisch. Säbelrasseln der stolzesten Fußballnation Südamerikas kurz vor der WM 2010. Nochmal kurz zur Situation: Ich arbeite in einem Team von ehemals 6, jetzt noch 4 Deutschen zwischen mittlerweile rund 150 Argentiniern. In der Gruppenphase hatte Argentinien alle drei Spiele für sich entschieden, Maradona war im Aufwind. Deutschland musste etwas mehr kämpfen und bangte sogar kurz um den Einzug ins Achtelfinale. All das führte zu der eh schon erweitert stolzen Sicherheit der Argentinier, dass der Schale eigentlich nichts mehr im Weg steht, schon gar nicht Deutschland.
Für die Argentinienspiele wurde bei uns die Arbeit unterbrochen und alle Mitarbeiter konnten das Match im Aufenthaltsraum per Beamer verfolgen. Nach den Toren wurde da schonmal gehüpft und gegen Deutschland gesungen, aber immer mit einem Lächeln ("El quién no salta, es Aleman!" = Wer nicht springt, ist Deutscher!"). Als ich dabei dann mal sagte, dass mir kalt sei, und mir meine große Deutschlandfahne aus der Hosentasche zog, um mich ein bisschen darin zu "wärmen", erntete ich laute "Buuh"-Rufe. Ich provoziere halt gerne... Hier ein Video eines Tors von Argentinien, damit man sich das mal vorstellen kann:


Übrigens, wer sich das Video direkt auf Youtube ansieht, kann durch einen Klick auf den kleinen Fußball unten in der Fortschrittsleiste auch den vermissten Vuvuzela-Sound einschalten. Glaubt ihr nicht? Dann probiert es hier mal aus! Musikvideos von z.B. Britney Spears kann man im Klang dadurch erheblich verbessern...!
Die Deutschlandspiele haben wir auch dort gesehen, in kleiner Runde. Nach den jeweiligen Siegen wurde sich gegenüber aufrichtig gratuliert. Da sind sie dann doch faire Sportsmänner. Doch eines Tages stand fest, dass Deutschland auf Argentinien im Viertelfinale treffen würde... Meine argentinischen Bürokollegen haben mir vorab erklärt, dass wir nicht viel darüber reden werden untereinander, denn die Argentinier seien sehr emotional was Fußball betrifft. Naja, wie man sich vorstellen kann, war das Nicht-Reden unmöglich... Und so ziemlich alle Kollegen wollten mit mir wetten, um Wein, um Trikots, um meine Puma-Sicherheitsschuhe... aber ich habe immer gesagt, dass ich dann ja mit allen wetten müsste, und dass ich hinterher ja nichts mehr zum Anziehen hätte... *zwinker zwinker* Am Freitag habe ich dann schließlich doch noch bei einem eingeschlagen, der unbedingt seinen Wein loswerden wollte.

Samstag, 3. Juli 2010, ca. 9:30:
Mein mitbewohnender Kollege und ich machen uns auf in die Innenstadt. Über Facebook hatte ich einen Deutschen kennen gelernt, der Fußballfeiern veranstaltet. Was aussieht, als wenn es sich in einer urdeutschen Kneipe abspielt, ist in Wirklichkeit in einem Irish Pub in Palermo Soho, dem Party-Stadtteil von Buenos Aires.

Und unter Gleichgesinnten guckt es sich einfach nochmal so schön, wie zu zweit zuhause vor dem Fernseher. Der Irish Pub war national unterteilt: Im Erdgeschoss guckten die Argentinier, im 1. OG die Deutschen. Ich fragte mich beim raufgehen schon, ob das so eine gute Idee gewesen sei, hatten mich doch mehrere Kollegen davor gewarnt, in der City zu gucken, was mitunter mit einem Sicherheitsrisiko verbunden sei. Deswegen habe ich mein Deutschlandtrikot auch unter einer argentinischen Fußball-Trainingsjacke getarnt... Harhar, das trojanische Pferd! Aber im oberen Geschoss wären wir dann ja quasi eingekesselt... naja, so schlimm war es dann nun doch alles nicht. Die Feier war super, über das Spiel brauche ich hier wohl keine Worte verlieren. Rund 50 Deutsche haben es ordentlich krachen lassen! Ein paar von ihnen haben es sich dann auch nicht nehmen lassen, den Triumph draußen auf der Kreuzung laut kund zu tun und wurden dann, wie ich später erfuhr, mit rohen Eiern beworfen... Wer nicht hören will, muss fühlen, hatte doch der Veranstalter 5 Minuten vor Spielende nochmal die Deutschen Fans um Sensibilität und gebührenden Respekt gegenüber unserem Gastgeberland gebeten. Getarnt mit meiner argentinischen Jacke und gespielter Tristesse haben wir dann auf dem Weg zurück zum Auto den frisch ausgeschiedenen Argentiniern den Schock angesehen. Diese Niederlage gilt es nun erst einmal zu verkraften. Und wieder einmal gegen Deutschland. Einige Kollegen haben mir aber direkt nach dem Sieg SMS-Glückwünsche geschickt oder sogar angerufen.
Vor dem Spiel war mir klar: Eigentlich konnten wir hier als Deutsche nur verlieren. Sollte Argentinien gewinnen, würden wir wochen- oder monatelang dem Spott ausgesetzt sein, sollte Deutschland gewinnen, würden wir auf der Arbeit ersteinmal nichts mehr zu lachen haben. Umso mehr habe ich mich über die Glückwünsche gerade derer gefreut, die mir vorher die lebenslängliche Feindschaft geschworen haben, sollten wir sie aus der WM werfen.
Auf dem Weg nach Hause mussten wir wohl oder übel noch auf der Arbeit anhalten, um etwas zu erledigen. Die Blicke waren vielfältig, zwischen "Ich werde dich zerteilen, den Hunden zu fressen geben und diese dann mit der Dampfwalze überfahren" und aufrichtigem, gratulierendem Händeschütteln. Aber der Montag kommt ja erst noch...
Ich habe mir vorgenommen, nichts zu sagen. Wenn ich nicht drauf angesprochen werde, werde ich nur lächeln. Das ist einerseits respektvoll und sensibel, und andererseits tut es ihnen noch mehr weh... hehe. Ein bisschen Schadenfreude darf uns nach dem vorigen stolzen Getöne ruhig gegönnt sein. :-)

Das Finale werde ich jedenfalls bei einem guten 2007er Cabernet Sauvignon mit nummeriertem Etikett genießen. Und ich habe gehört, dass das Public Viewing in Deutschland auch super gewesen sein soll, bei fast 40°C?! Mein Tipp: Deutschland - Holland 2:1! Vamos Alemaniaaaaaa!!

Gimme Hope, Joachim!!

Sonntag, 6. Juni 2010

Side Story 1: Einlegesohlen

Als "Side Stories" bezeichne ich kurze Geschichten ohne großen Zusammenhang. Hier ist numero 1:

Ich brauchte dringend ein paar Einlegesohlen für meine Arbeitsschuhe, da deren Gemütlichkeit eher zu wünschen übrig ließ. Nun endlich kam ein Tag, an dem ich mich an diese Idee auch mal während eines Einkaufes im Supermarkt meines Vertrauens erinnerte, und so schritt ich hinaus in das angegliederte, gut ausgestattete Schuhgeschäft. Da das Wort "Einlegesohle" nicht gerade in den ersten 3 Lektionen der Spanisch-Lernbücher vorkommt, habe ich mich also durchgehangelt: 

Ich: "Hallo, ich brauche so Sachen für in die Schuhe."
     Er: "Socken?"
Ich: "Nee. So Sachen für zwischen die Socken und die Schuhe."
    Er: "??? (Ahh, ein ausländischer Idiot...)"
Ich: "Für so unten in die Schuhen, zum reintun...!"
     Er: "Einlegesohlen? (Plantillas?)"
Ich: "Äh, ja, wahrscheinlich..."
     Er: "Hier?? (und blickte mich dabei an, als hätte ich gerade nach einer Kettensäge gefragt...) In einem Schuhgeschäft??"
Ich: "Ääähhhh... joa?" (oder hatte ich mich in meinem Spanisch gerade so vertan, dass ich ihn gefragt habe, ob er mir gern den Popo rasieren möchte?)
     Er: "Neeeeeeee..... tz... (Augenrollen) Die gibt es nicht im Schuhgeschäft... Da musste da in den Supermarkt gehen."
Ich: "Ääähhh..." (Unverständnis. Ich schäme mich fast für meine provozierende Unterstellung, dass es in einem Schuhgeschäft Einlegesohlen geben könnte...) "und wo da??"
     Er: "Na bei den Schuhen!" (mit einem Blick der sagte "wo sollten sie denn sonst sein, du Idiot?!)
Ich: "Ah, okay..." (und ab.)

Merke: Es gibt privilegierte Menschen, die in ihrem Denken nicht durch Logik behindert werden. Die ist sowieso vollkommen überbewertet in Argentinien.
Das nächste Mal, wenn ich den Laden betrete, habe ich übrigens meine Kettensäge dabei... und dann werden wir mal sehen, wer wem den Popo rasiert.

Nachruf

Ohne Vorwarnung kamst du in mein Leben,
an einem wunderschönen Tag.
Ich wollte Dir alles geben,
in der Zeit die vor uns lag.

Deine langen Beine
raubten mir den Verstand.
Und dass es gleich sechs waren,
brachten mich an des Wahnsinns Rand.

Deine großen Augen
schauten mich liebevoll an.
Ich gab dir Käfer
wie ein sorgender Mann.

Deine Fühler waren lang und schlank
und zuckten beim fressen so sexy und elegant.
Dann gingst du von mir und ließest mich allein,
und ich muss wieder einsam sein,
doch bin ich glücklich, dass ich Dich in meinem Garten fand.


In Gedenken an meine Lebensabschnittsgefährtin Erika,
30.01.2010 - 05.05.2010

Hier nocheinmal die schönsten Fotos von Erika und ihren Freunden: Klick!